Samstag, 26. Mai 2018

zur kapitalistischen Strategie der Vereinnahmung/ about the capitalist strategy of colonization of countermovements


english below and in green

Durch irgendwelche digitalen Zufälle bin ich in den Verteiler der Zeitschrift ManagerSeminare geraten und bekomme sie einmal mit Jahr gratis zugeschickt (Heft 243, Juni 2018). Die Zeitschrift wendet sich anscheinend an Unternehmensberater, Coaches und Fortbildungsabteilungen in Unternehmen. Abgesehen davon, dass der dort genutzte Business Talk eine schwere Herausforderung für jeden darstellt, der sich mit den ästhetischen Aspekten von Sprache beschäftigt, bietet die Lektüre sehr interessante Einsichten in den Geist des Kapitalismus. Dieses Mal war in dem Heft ein Artikel zu finden, der für unsere Fragestellung nach den Möglichkeiten von Künstlern, der kapitalistischen Logik nicht in die Falle zu gehen, einiges an (ernüchterndem) Material liefert.
In dem Artikel mit der Überschrift „Thesen zum Tomorrow“ (sic!) listet der Autor Harry Gatterer, seines Zeichens Geschäftsführer eines offenbar auf die Wirtschaft ausgerichteten „Zukunftsinstituts“, eine Reihe von 14 gesellschaftlichen und ökonomischen Tendenzen auf, die seiner Ansicht nach die nähere Zukunft bestimmen und von Unternehmen beachtet werden sollten. In der Liste gibt es ein paar Überraschungen. Da werden Aspekte aufgeführt, von denen wir (?)/ einige von uns gedacht und gehofft hatten, dass sie den Kapitalismus eher zurückdrängen als unterstützen würden. Dieser Artikel ist ein weiteres Indiz dafür, dass die große und fast immer unterschätzte Stärke des kapitalistischen Geistes in seiner Fähigkeit besteht, Gegentendenzen und kleine und große Widerstandsbewegungen zu vereinnahmen und aus ihnen Waren und Märkte zu machen.
Auf ein paar in dem Artikel genannten Tendenzen will ich etwas genauer eingehen. Eines lautet: Achtsamkeit. Gatterer sieht in der Tendenz, Achtsamkeit ins eigene Leben zu bringen, eine Gegenbewegung zur „permanenten Reizüberflutung, zur medial erzeugten Aufregung und zur erzwungenen Steigerung der Aufmerksamkeitsressourcen“. Dem kann man nur zustimmen. Er glaubt, dass Achtsamkeit auch im „Businesskontext ein wichtiger Grundwert und eine Arbeitstrategie“ werde.
Natürlich gibt es auch schon längst Trainingsangebote für Achtsamkeit für Unternehmen. Und natürlich kann es niemandem schaden, die Fähigkeit zur Achtsamkeit zu schulen. Denn, so steht es in dem Artikel: „Sie verhilft zur Stärkung von Klarheit, Stabilität und Kompetenz“. Mit diesem letzten kleinen Satz wird deutlich, wieso es aus einer unternehmerischen Sicht sinnvoll erscheinen kann, Achtsamkeit als Wert in den kapitalistischen Zusammenhang zu integrieren und sie damit zu vereinnahmen. Sie stärkt nämlich Werte, die dem Unternehmen helfen, erfolgreicher zu sein. Man muss sich klar machen, dass es hier um Strategien geht, Unternehmenserfolge zu fördern. Das ist das über allem stehende Ziel des kapitalistischen Geistes. Achtsamkeit, eine Qualität, die eigentlich aus einem im weiten Sinne religiösen Zusammenhang stammt, wird zum Mittel der Profitsteigerung.
Ein anderes Zukunftsthema, das der Autor Gatterer auflistet, trifft mich selbst ziemlich hart, weil es einen Aspekt aufgreift, mit dem ich mich seit einiger Zeit künstlerisch und sozusagen kunsthistorisch sehr beschäftige. Bei mir geht es um die Frage, wie wir Lebensformen finden können, in denen die Gemeinschaftlichkeit von allen Mitgliedern getragen und zugleich jedes Mitglied in seiner individuellen Entfaltung unterstützt wird.
Der Sozialismus in seinen realen Ausprägungen des 20. Jahrhunderts hat die Idee der gerechten Gemeinschaft auf Kosten der individuellen Freiheit der einzelnen aufbauen wollen und der Kapitalismus versucht(e), eine Gesellschaft des Hyperindividualismus zu konstruieren, in der kein Platz mehr für solidarische Strukturen benötigt wird. Aber gerade unter Künstlern gab es schon sehr früh Initiativen, um Gemeinschaftlichkeit und Individualität zusammen zu denken und praktisch zusammenzuführen.
Schon kurz nach dem 1. Weltkrieg entstanden einige sehr inspirierende Versuche von KünstlerInnen, die in diese Richtung wiesen. Einer dieser Versuche war die so genannte Kalltalgemeinschaft, eine Gruppe von meist jungen Künstlerinnen und Künstlern, die 1919 aus Köln nach Simonskall in der Eifel zogen, um dort gemeinsam zu leben und ihre Kunst zu machen, und zwar Kunst, die nicht die Naturidylle feiert, sondern gesellschaftlich relevant sein wollte.
Jetzt lese ich unter der Begriff Wir-Kultur auf der Liste der Zukunftstendenzen von Gatterer, dass „sich heute neue Gemeinschaftsstrategien (entwickeln). Sie entsprechen dem Wunsch nach Individualität, Selbstverwirklichung und Unterscheidung von der Masse und erlauben dennoch ein Zugehörigkeitsgefühl.“ Die Notwendigkeit, neue Formen des Zusammenlebens zu erkunden, scheint also als Tendenz schon in den kapitalistischen Gefilden angekommen und wahrgenommen worden zu sein. Und damit taucht sofort die Gefahr auf, dass diese Versuche, noch bevor sie die Praxisreife für die Gesellschaft gewonnen haben, vom kapitalistischen Denken vereinnahmt und auf ihre Marktkonformität hin gestaltet werden. Wie lässt sich das verhindern?

In der Liste der Zukunftstendenzen, die der Autor aufzählt, finden sich zwei, die das ökonomische System des Kapitalismus selbst betreffen. Unter dem Titel Postwachstumsökonomie schreibt Gatterer: „Die neue Wirtschaft wächst nicht mehr, sie reift“. Der Primat des Wirtschaftswachstums, einer der wichtigsten ideologischen Grundpfeiler des kapitalistischen Geistes, soll demnach seine tragende Funktion für die durchökonomisierte Welt verlieren. Zu schön, um wahr zu sein?
Außerdem wird unter Slow Business eines der infantilen Ideale des kapitalistischen Geistes (Max Scheler) in Frage gestellt, nämlich der Primat der Schnelligkeit. Es gibt ja verschiedene soziale Bewegungen, die sich gegen den kapitalistischen Zwang zur Schnelligkeit zur Wehr setzen wollen. Slow Food war eine der ersten. Nun soll plötzlich nicht mehr Schnelligkeit, sondern die Entschleunigung das Maß der Dinge im Unternehmenskontext sein.
Gute Nachrichten, sollte man meinen!

Jedenfalls Thesen, aus denen verschiedene Folgerungen gezogen werden können: Eine wäre, das Konzept des kapitalistischen Geistes, das ich hier in meinem Blog vertrete, als überholt und falsch zu deklarieren. Das ist eine Möglichkeit, die ich nicht außer Acht lassen will.
Eine andere bestände darin zu behaupten, dass der Kapitalismus sich selbst nicht ganz kennt und die vermuteten Tendenzen für das ökonomische System ganz anders wirken werden als Gatterer annimmt. So ist die Entschleunigung ja schon längst zu einem Markt geworden, der von Unternehmen beliefert, geprägt und gestaltet wird. Und wie immer sind die Unternehmen erfolgreich, die am schnellsten die passenden Angebote auf den Markt gebracht haben. Die Schnelligkeit bleibt also das kapitalistische Ideal.

Eine dritte Folgerung setzt eine Ebene tiefer an. Sie besteht in der Vermutung, dass der Kapitalismus als Konzept nicht wie eine politische Ideologie, wie etwa der Marxismus oder auch der Neoliberalismus, funktioniert. Ideologien haben (grob gesagt) die Angewohnheit, die Welt durch die Brille des eigenen Welt-Konzeptes zu betrachten und sie entsprechend zu interpretieren. Auftauchende Widersprüche weisen allenfalls darauf hin, dass die Ideologie nicht verstanden ist, bzw. an einigen Details nachgebessert werden muss. Doch dass die Welt den eigenen Vorstellungen nicht entspricht, gehört nicht zu den bedenkenswerten Optionen. Der kapitalistische Geist ist da offener. Er erkennt Widersprüche an und schafft damit die Grundvoraussetzung dafür, die entsprechenden Tendenzen und Bewegungen auf mittlere Sicht für sich zu vereinnahmen. Die Entwicklungen der Postwachstumsökonomie und der Entschleunigung sind in diesem Denken keine Gefahren für den Kapitalismus, sondern potenzielle Märkte. In der kapitalistischen Variante der Postwachstumsökonomie wird deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach das Wachstum als Maßstab nicht seine Bedeutung verlieren, wie Gatterer vermutet, sondern diejenigen Unternehmen werden wachsen, die bestimmte Werte aus den Bereichen Lebensqualität und Umweltschutz am überzeugendsten an die Frau und den Mann bringen. Das gleiche gilt für die Entschleunigung. Auf den Ebenen, auf denen es marktfördernd ist, kann der kapitalistische Geist seine Grundgedanken zur Seite schieben. Doch dadurch wird seine Dominanz nicht geschwächt, sondern gestärkt. Der kapitalistische Geist wird solche Bewegungen unterstützen, solange Geld damit zu machen ist. Aber die Struktur der kapitalistischen Logik wird dadurch nicht erschüttert.
Ich glaube, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Mit Max Scheler könnte man sagen, dass der Kapitalismus ein Wertesystem darstellt, in dem die Hierarchie der Werte ganz anders ist als in anderen Systemen. Die Ethik des Kapitalismus besitzt eine Flexibilität, die beängstigend ist. Sie ist in gewisser Weise „jenseits von gut und böse“, solange sich aus den gesellschaftlichen Entwicklungen Kapital schlagen lässt.

Was hat das alles mit der Frage nach dem Künstler sein im Kapitalismus zu tun? Sofern KünstlerInnen einen inneren Abstand zum kapitalistischen Geist aufbauen und aufrecht erhalten wollen, müssen wir uns der Gefahr sehr bewusst sein, dass unsere Gegenentwürfe vom Kapitalismus vereinnahmt werden, statt ihn in die Schranken zu weisen. Wie können wir das verhindern?
1.    Ich weiß es nicht.
2.    Durch genaues Denken! Denn die kapitalistische Vereinnahmung bedeutet zugleich immer eine Verfälschung dessen, was vereinnahmt wird. Die Verfälschung geschieht durch den Wechsel des ethischen Kontextes. Unsere Aufgabe als Künstler besteht darin, die eigenen Ideen und Gedanken so genau wie möglich zu kontextualisieren, mit anderen Worten, einen konzeptuellen Rahmen zu entwerfen, der nicht der kapitalistischen Logik folgt. Deshalb:
3.    Wir können versuchen, eine eigene, nichtkapitalistische Ethik zu entwerfen, um der Vereinnahmnungsmaschinerie etwas entgegensetzen zu können.
Viel zu tun.....

Künstlerinnen und Künstler scheinen mir die einzige Gruppe zu sein, die diese Aufgabe gegenwärtig angehen und vielleicht bewältigen kann, weil sich unter ihnen am ehesten Leute finden lassen, die auch insgeheim auf die Annehmlichkeiten und Sicherheiten eines kapitalistischen Daseins verzichten – zugunsten des eigenen künstlerischen Weges. Auch Künstler kennen die Verlockungen des Kapitalismus, aber wir nehmen sie nicht so ernst. Es gibt wichtigeres für uns.




Somehow I got into the mailing list of a german magazine called ManagerSeminars and more or less once a year I get a free copy of it. This magazine addresses consultants and coaches for companies and beside the fact that their language is a challenge for everybody who has some interest in the aesthetic aspects of writing reading this magazine brings some insights into the current form of the capitalist spirit. This time there was one article that delivers some (sobering) material for our question how artists can live and act without falling into the traps of capitalist logic.

The author Harry Gatterer, director of a „future institute“, presents a list of 14 social and economic tendencies which in his view will have an effect on the future and should be noticed by companies. This list contains some surprises. There are some issues in it from which we(?)/some of us had thought and hoped, that they rather will help to push back capitalism instead of supporting it. I think that this article shows once again that the very strength of capitalism, that is underestimated most of the time, is its potential of taking over and colonize counter tendencies and resistance movements and to form products and markets out of it. 

Now I would like to discuss some of the tendencies mentioned by H. Gatterer. One is mindfulness. Gatterer sees a new focus on mindfulness in our society and a strong wish to include it into daily life. For him this is a counter movement against the „permanent stimulus satiation, the medial generated excitement and the forced rise of resources for attention“. Who wouldn´t agree? He claims that mindfulness will become a core value and a new working strategy in business contexts.

Of course there are already offers for business training in mindfulness. And of course there is no harm for anybody in practising mindfulness. Because, quoting the article: „It helps to strengthen clarity, stability and competence.“ This little sentence shows why it is helpful from a company point of view to integrate mindfulness into the capitalist context. It improves values and qualities that help the company to become more successful! And this is the purpose of the capitalist spirit above all others. Mindfulness, a quality emerging from the religious field, becomes a mean to seek profit.


Another subject that is listed by the author hits me personally quite strong because it brings up an aspect that I am exploring for some time now in an artistic and historical form. I pose the question how it might be possible to find forms of living in which the togetherness is carried by every member and at the same time the individual development is supported by the community.

Socialism in its real occurrences of the 20th century tried to build up an equal and just society at expense of the individual freedom. Capitalism tries to construct a society of hyper individualism that lacks any space for solidarity. But especially artists looked very early for initiatives to think and live togetherness and individuality at the same time. (One was the so called Kalltalgemeinschaft, a group of artists who left Köln in 1919 to live and work together in the Eifel aiming for art that has social relevance.)

Now I read on this list with future tendencies under the title „culture of WE“ that there are new strategies developing that correspond with the wish for individuality, self development and still allows a feeling of belonging. The need for new forms of living together has seemingly entered the capitalist sphere and with this the danger arises that these attempts (of artists and others) will be taken over by the capitalistic world and thinking and will be formed into conformity for the markets. How can we prevent this?



There are two subjects in the list of future tendencies that are related directly to the economic system of capitalism. Under Post growth economy Gatterer writes: „The new economy doesn´t grow, it will ripen.“ The primacy of economic growth is one of the most important ideologic keystones of the capitalist spirit. But now it will lose ist function for the economized world? To good to be true?

Even one of the infantile ideals of capitalism (Max Scheler) is questioned through one of the future tendencies that Gatterer has listed. Slow Business is a movement that works against the pressure to be fast all the time. Slow Food was one of the first of these initiatives. Now in business contexts deceleration shall be the new goal that substitutes acceleration. Good news, one should think...


Anyhow these are assertions which allows different conclusions. One could be to declare the idea of the capitalist spirit that I support here in my blog as wrong and/or outdated. This is a possibility that I try to keep in mind.

Another conclusion is to claim that capitalism doesn´t know itself well enough and that the tendencies Gatterer listed will have other effects on the economic system that he assumes. Deceleration for instance already is a market for quite a lot of companies. And those companies are most successful that bring their products on the market fster than the others. Speed keeps to be an capitalist ideal.

A third conclusion starts on a deeper level. Here I guess that capitalism is not working like a political ideology, like marxism or neoliberalism. Ideologies have (roughly speaking) the habit to see the world through the glasses of their own world concept and to interprete the „facts“ only in this way. Contradictions only show a lack of understanding the ideology or where to improve some details of it. Capitalism is more open at that point. The capitalist spirit recognizes contradictions and in doing so creates the possibility to colonize these movements in the long run. Then post growth economy and deceleration are no dangers for capitalism but potential markets. Capitalism will support these movements as long as there is money in it. But the structure of the capitalist spirit or logic will not be changing through these tendencies.

I think this is important. With Max Scheler we can say that capitalism is a system of values that has a very different hierarchy of these values that all other social systems. The ethics of capitalism possess a flexibility that can be frightening. In some way it is „beyond good and evil“, as long as the system can capitalize on social movements and developments.


What is the connection between these considerations and the question of how to be an artist in capitalism? As long as artist want to build and keep a distance to the capitalist spirit, we have to be aware of the big danger that our attempts and alternative concepts can be colonized by capitalism. How can we prevent this?

1.    I don´t know.

2.    With precise thinking! Everything that is taken over by capitalism is at the same time distorted. Distortion happens here through a change of the ethical contexts. Our task (?) as artists is to contextualize as precise as possible. In other words, we have to create a conceptual frame that doesn´t follow the logic of capitalism.

3.     We can try to develop a non-capitalist ethical system that is clear and strong enough for not to be colonized by capitalism.

There is a lot to do..


Artist seems to be the only group of people who might be able to start with this project and fulfill it in the current social and political situation. There is a big chance to find artists who are willing and able to abstain from the conveniences and securities of a capitalistic life because there artistic work is much more important. Of course even artists know the temptations of capitalism, but we don´t take them too serious.

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