Montag, 23. April 2018

ARBEIT/WORK

Max Scheler geht in seiner Analyse und Kritik des Kapitalismus an einer Stelle tiefer als Marx, in dem er dem kapitalistischen Geist eine abstruse Überbewertung der Arbeit attestiert. Für Marx dagegen war Arbeit gerade dasjenige, das das Proletariat in das kapitalistische System einzubringen hat. Genau daher rührt für Marx die historische Stärke des Proletariats. Damit steht Marx, Scheler zufolge, in der Tradition einer protestantischen Arbeitsethik, die es so im katholischen Denken nicht gegeben hat.
Scheler war nicht der einzige, der zu seiner Zeit das Arbeitsverständnis des Kapitalismus hinterfragt hat und dabei die Verbindung zur protestantischen Ethik sah. Bekannt ist Max Webers Schrift über "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus".
Worin bestand der Unterschied im der Bewertung der Arbeit? Für den Menschen im europäischen Mittelalter gab es keine direkte Verbindung von Arbeit zum Seelenheil. Arbeit musste ausgeführt werden, um den Lebensunterhalt zu sichern. Das Seelenheil dagegen war über die christlich-rituelle Struktur der Lebenswelt in einigermaßen sicheren Händen der Kirche. Die einzige Ausnahme stellten die Nonnen und Mönche dar. Im klösterlichen Leben hatte die Arbeit eine höhere Bedeutung und wurde als Teil der religiösen Praxis verstanden.
Die mittelalterliche Gesellschaft als ganze war religiös geprägt, d.h. die Ordnung war darauf ausgerichtet, die Menschen zum "Seelenheil", bzw. dem, was die Kirche darunter verstand, zu führen. Arbeit war ein nachgeordnetes Thema.

Der Protestantismus hat, wie einige Kritiker zur Zeit Schelers schrieben, aus der Welt ein Kloster und aus allen Menschen Nonnen und Mönche gemacht, in dem er der Arbeit eine zentrale religiöse Bedeutung zuwies. Sie war nicht mehr nur notwendige Pflicht, um überleben zu können, sondern wurde nun als fundamentaler Wert der menschlichen Existenz verstanden. Der Mensch ist Mensch, weil er arbeitet, hieß es dann. Und nur über seine Arbeit kann er sich als würdig erweisen, nach dem Tod ins ewige Leben wechseln zu können.

Den religiösen Kontext dieser Weltanschauung hat unsere Epoche längst verloren, aber das merkwürdige Verständnis von Arbeit als Definitionsmacht des Menschen ist uns geblieben.

Was bedeutet das für das Selbstverständnis von Künstlern im Kapitalismus? Künstler*innen stehen oft in einer merkwürdigen Ambivalenz der Arbeit gegenüber. Einerseits ist die künstlerische Arbeit für sie ein entscheidender Aspekt ihres Lebens und ihres Selbstverständnisses. Insofern sind sie nicht weit entfernt von den Nonnen und Mönchen des Mittelalters und von ihren protestantischen Nachfolgern. Andererseits wird die künstlerische Tätigkeit von der Gesellschaft oft nicht als "richtige" Arbeit akzeptiert. Bücher schreiben, Bilder malen, Lieder singen? Was soll daran Arbeit sein, fragt sich der Bourgeois mit festem Angestelltenverhältnis.
Das ist natürlich Humbug, Kunst ist oft harte Arbeit, aber die Künstler wissen, dass harte Arbeit noch keine Kunst macht. Manchmal braucht die Kunst Zeit zum Warten, manchmal ist es wie ein Spiel, manchmal brauchen Künstler Rückzug, manchmal Austausch. Arbeit ist als Begriff viel zu eng, um die Tätigkeit des künstlerischen Schaffens zu erfassen.

Vielleicht wäre es hilfreich, für sich ein Verständnis der künstlerischen Tätigkeit zu finden, das den Begriff der Arbeit außen vor lässt, um sich nicht in den Fangstricken eines kapitalistischen Arbeitsdenkens zu verheddern. Dieser Abschied von der Arbeit kann nur gelingen, wenn man sich von der Idee befreit, Arbeit hätte etwas mit dem Selbstwert eines Menschen zu tun.
Soweit meine Arbeitshypothese (!!), die ich zur Diskussion stellen möchte.