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Donnerstag, 17. Oktober 2019

Bemerkungen zu Peter Handke (Nobelpreis)


english below

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke hat gelinde gesagt ein geteiltes Echo in der Öffentlichkeit hervorgerufen. Auch unter Künstlern und Schriftstellerkolleg*innen gab es zum Teil empörte Reaktionen. Es ist auch für mich nur schwer nachvollziehbar, wie ein Autor, der sich mit den subtilsten Verästelungen von Wahrnehmung und Sprache beschäftigt, sich politisch so offensichtlich verrannt haben kann. Und mich interessiert hier an dieser Geschichte, ob dafür etwas für das Thema des Künstlerseins im Kapitalismus zu holen ist. 

Meine Bemerkungen dazu bitte ich mit größter Vorsicht zu lesen, denn ich kann nicht behaupten, ein Kenner des Werkes von Handke zu sein. 

(Bei Perlentaucher fand sich ein paar Tage, nachdem ich diesen Post geschrieben hatte, ein Hinweis auf einen wie ich finde sehr lesenswerten Artikel über Handke von Alida Bremer. Der ist allerdings noch sehr viel weniger verständnisvoll gegenüber dem Autor, mit ziemlich überzeugenden Argumenten, muss ich sagen.

Alida Bremer: Die Spur des Irrläufers)


Aber ich glaube genug von seinem Werk gelesen zu haben, um bei ihm eine phänomenologische Grundeinstellung zu finden. Das heißt, Handke geht es darum, die Beziehung zwischen Mensch und Welt  - als eine Beziehung, die sich in Sprache manifestiert – in einer weitgehend unvermittelten Direktheit in den Blick zu nehmen. In der Phänomenologie bei Husserl und seinen Nachfolgern hieß es: Zu den Sachen selbst! Handke will, durchaus in einem Widerstand gegen die mediale Welt, die sich in der kapitalistischen Ära mittlerweile in absurdem Ausmaß von der Realität entfernt hat, die Dinge, die Landschaften, die Ereignisse wieder nah an den Menschen heranführen. Anders als die philosophische Phänomenologie zumindest in den ersten Jahren, der man zu Recht vorwarf, die Rolle der Sprache in diesem Prozess zu unterschätzen, sieht Handke den notwendigen Zusammenhang von Wahrnehmung und Sprache. Aber nicht in einer konstruktivistischen Art, sondern in der Absicht, Lebensnähe herzustellen. Soweit so interessant. Ich kann Handke nur zustimmen, dass die Moderne diesen Zugang zur Welt weitgehend verloren hat und es Not tut, ihn wiederzufinden. Das ist ja auch eine grundkünstlerische Absicht, die ich in meiner Arbeit manchmal teile und die zu den Grundüberzeugungen gehört, die ich in diesem Blog zur Sprache bringen will: Der Kapitalismus entfremdet den Menschen von der Welt und von sich selbst. 

Probleme tauchen auf, wenn diese phänomenologische Einstellung, wie sie Handke eingenommen hat, zur allein selig machenden erhoben wird. Denn das führt dazu, dass man nur noch glauben kann, was man mit eigenen Augen sieht. Doch insbesondere in der Moderne ist es unmöglich, die Welt ohne Hinzunahme von medial vermittelten Informationen zu deuten (und zwar jenseits der eigenen Echokammer). Eine politische Haltung, die versucht, der Situation angemessen zu sein, benötigt den Willen und die Fähigkeit zur Abstraktion. Handke ist sozusagen mit Freude in die Falle der Unmittelbarkeit gesprungen. Nur so ist verständlich, dass er allen Ernstes an den Untaten der serbischen Milizen in den Kriegen der 1990er Jahre zweifeln kann, weil er den „barfuß“ herumlaufenden jungen Männern, die er mit eigenen Augen gesehen hat, diese Taten unmöglich zutraut. 

Naivitäten dieser Art sind das Ergebnis eines Kategorienfehlers, der auf andere Art schon anderen Geistern passiert ist, die man aufgrund ihres Werkes eigentlich für klüger halten müsste. Nietzsche etwa wird oft dann unglaubwürdig, wenn er seinen psychologisch geschulten Blick auf die Politik und die großen Zusammenhänge seiner Zeit richtet. Das führt dann zu Monstren wie der "blonden Bestie". Heidegger gehört in ganz anderer Hinsicht auch zu dieser Liste von Verirrten, deren Werk davon abgesehen trotzdem eine lohnende Herausforderung darstellt. Gemeinsam haben diese Autoren, die von der Richtigkeit ihrer Perspektive auf die Welt viel zu sehr überzeugt sind, dass sie sich nicht in Diskussionen einlassen können und wollen. Worüber auch diskutieren, wenn man die Wahrheit erkennt? Handke scheint es in Sachen Serbien unmöglich zu sein, seinen Fehler aus der Sicht derer zu betrachten, die sich davon sehr zu Recht verletzt fühlen (Dazu gehören übrigens auch viele Serben, die sich von dem geliehenen Nationalismus Handkes genau so abgestoßen fühlen wie andere). 

Künstler*innen im Kapitalismus tun gut daran, im Modus des Fragens zu bleiben und den eigenen Antworten immer mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Kritische Distanz benötigt man als Kunstschaffender nicht nur im Verhältnis zum Geist des Kapitalismus. Den eigenen Überzeugungen folgen, ohne die inneren Türen zu schließen. Sonst wird es nämlich schnell muffig darinnen....


The award of the Nobel Prize for Literature to Peter Handke has, to say the least, caused a divided response in the public. There have been some outraged reactions among artists and fellow writers. It is difficult for me also to comprehend how an author who deals with the most subtle ramifications of perception and language can have been so obviously mistaken politically. And I'm interested here in this story to see if there's anything relevant for the theme of being an artist in capitalism.

I would ask you to read my comments with the greatest caution, because I cannot claim to be an expert on Handke's work.

But I think I have read enough of his work to find a phenomenological attitude in him. In other words, Handke's aim is to look at the relationship between man and the world - as a relationship that manifests itself in language - in a largely unmediated directness. In the phenomenology of Husserl and his successors it was said: „Zu den Sachen selbst!“ "To the things themselves! Handke wants to reconnect things, landscapes, events with people – quite in a resistance against the medial world, which in the capitalist era has moved us away from reality to an absurd extent. In contrast to philosophical phenomenology, at least in the early years, which was rightly accused of underestimating the role of language in this process, Handke sees the necessary connection between perception and language. But not in a constructivist way, but with the intention of creating proximity to life. So far so interesting. I can only agree with Handke that modernity has largely lost this access to the world and that it is necessary to find it again. This is also a basic artistic intention that I sometimes share in my work and that is one of the basic convictions that I want to bring up in this blog: capitalism alienates people from the world and from themselves.

Problems arise when this phenomenological attitude, as adopted by Handke, is elevated to the status of the only blessing. For this leads to the fact that one can only believe what one sees with one's own eyes. But it is of course impossible in modernity to interpret the world without the addition of mediated information. Handke jumped into the trap of immediacy with joy, so to speak. Only in this way it might be understandable that he can seriously doubt the atrocities of the Serbian militias in the wars of the 1990s, because he cannot possibly trust the "barefoot" young men whom he saw with his own eyes to do these deeds. Naiveties of this kind are the result of a category error that has already happened to other great thinkers in a different way, who should be considered wiser because of their work. Nietzsche, for example, often becomes untrustworthy when he directs his psychologically trained gaze to the politics and the great contexts of his time. This leads to monsters like the „blond beast“. Heidegger also belongs to this list in a completely different way. These authors, who are far too convinced of the correctness of their perspective on the world, have in common that they cannot and do not want to get involved in discussions. What can we discuss when we realize the truth? Even for Handke it seems impossible to look at his mistake from the point of view of those who feel rightly hurt by it.

Artists in capitalism do well to remain in the mode of asking questions and to always meet one's own answers with a certain scepticism. Critical distance is not only needed in relation to the spirit of capitalism. Follow one's own convictions without closing the inner doors. Otherwise it quickly becomes musty inside....
 

Montag, 14. Oktober 2019

Capitalism as the Age of Psychopathy



The American psychoanalyst Michael Eigen about living in an age of psychopathy: 
„...one thing that psychopathy means is not having guilt over inflicting pain or hurting others. It means not feeling that we shouldn´t do something because it might cause a lot of damage and make people unhappy. Psychopaths do something because they want to win; or they want to solidify their position on top so that the other person loses. In that scenario, inflicting pain or damage becomes part of winning – a victorious, ambitious push to the top. So the psychopath is someone who doesn´t suffer if the other person suffers. (...)
...it´s a human thing. But it´s exaggerated in our capitalistic system in which democracy has degenerated into the pursuit of money and the way money has become elevated over the importance of feelings. It doesn´t matter what you feel, in other words, as long as you make money.“ Quoted from an interview with Michael Eigen in: Dialogues with Michael Eigen. Psyche Singing, p. 57ff.

This is in my view a very profound analysis of what is happening in our western world right now. What is the relation to art? Well, art is one of the last realms where humans insist on feeling, with oneself and with others. Artist are able to show that being human is not the same as being homo economicus.
But of course artists are at the same time part of this age of psychopathy and they are infected by this system to a certain degree, too. But artist might be able to become aware of it and face the situation. And maybe bring it into an artistic form?