Trinkgeld / Tip ?!

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If reading this blog is in any way helpful, interesting or inspiring for you, and you want to express your appreciation, I am happy to receive a comment. There is now also the opportunity to give me a "tip". You can find out more on my Tipeee page:

Sonntag, 10. Mai 2020

Rechthaben, Verschwörungen und Kunst


Je länger die Corona-Krise, mit ihren Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der persönlichen Bewegungsfreiheit dauert, um so mehr Ungeduld baut sich verständlicherweise auf. Bahn bricht sich diese Energie zu einem beträchtlichen Teil (aber nicht nur!) in Formen, die mich ziemlich beunruhigen: in Verdächtigungen, Unterstellungen, Anklagen gegen eine wie auch immer geartete Gruppe von Mächtigen, die die momentane Situation entweder für ihre Zwecke nutzen oder gar für ihre Zwecke initiiert haben. Verschwörungstheorien scheinen bis in die ominöse Mitte der Gesellschaft und übrigens auch bis in die Kunstszene durchgesickert zu sein. 
 
Was passiert da gerade? Und was genau beunruhigt mich daran so sehr? 

Ich will versuchen, aus meiner Position zu formulieren, wie eine Antwort auf die beiden Fragen aussehen kann. Meine Position bestimmt sich aus verschiedenen Aspekten. Die wichtigsten in diesem Zusammenhang sind:
-   meine ziemlich radikale Kritik an dem Geist des Kapitalismus, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Allerdings geht es mir dabei nicht darum, eine Gruppe von „Bösen“ zu identifizieren, die an allem schuld ist. Der Geist des Kapitalismus hat sich aus einer historischen Konstellation entwickelt und zeigt sich nicht nur in neoliberalen Hirnen!
-   Meine Wertschätzung des Grundgesetzes, insbesondere der Grundrechtsartikel, mit denen ich mich ebenfalls in den letzten Jahren intensiv beschäftigt habe und
-   meine Bestrebungen, so etwas wie eine künstlerische Grundeinstellung für mein Leben zu finden und umzusetzen.

Rechthaben: Ich bin mir darüber bewusst, dass meine fast schon allergische Reaktion auf die Rechthaber und Besserwisser, die zur Zeit durch die Medienlandschaft schwirren, auch damit zu tun hat, dass ich selbst gerne meine Positionen in die Öffentlichkeit sende und gegen das Virus der Rechthaberei nicht ganz immun bin. Doch immerhin versuche ich, bestimmte Fallen zu umgehen. Z.B. indem ich im Modus des Vorschlagens und Anbietens rede und nicht in Behauptungen.

Das Muster der medial verstärkten Besserwisser ist ja nicht, einen Beitrag zu liefern, der helfen möge, die bestmögliche Strategie im Umgang mit einem Problem zu finden. Es geht den Rechthabern einzig darum recht zu haben. Dazu gehört meistens auch die Klage, ihre Meinung würde unterdrückt von „den Medien“, was auch diesmal angesichts der Präsenz dieser Leute auf allen Kanälen schon ziemlich abstrus wirkt. Schlimmer aber ist daran, dass man dieses Muster gut aus den Anfangszeiten der AfD kennt. Die Generation Lucke zeichnete sich dadurch aus, nichts anderes zu wollen, als recht zu haben und sich als Opfer einer Meinungsdiktatur darzustellen. Beides wurde von den rechtspopulistischen Nachfolgern in der AfD dankbar übernommen.
Die Nähe zum Rechtspopulismus zeigt sich auch in einer bestimmten Wissenschaftskritik. Ich bin der Meinung, dass die Wissenschaft im kapitalistischen System eine äußerst problematische Funktion erfüllt, nämlich die Welt so zu formen, dass sie für die kapitalistische Ausbeutungsmaschinerie vorbereitet ist. Trotzdem ist es natürlich klug und richtig, in Situationen wie der momentanen, die aktuellen Erkenntnisse einer Wissenschaft als Richtschnur für das politische Handeln zu betrachten. Dasselbe wird ja zu Recht in der Klimadebatte vehement und bislang relativ erfolglos gefordert. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse anzuzweifeln, weil Wissenschaften per se keine Wahrheiten finden, sondern vorläufige Erkenntnisse formulieren, die durch die weitere Erforschung revidiert werden können, ist die ignorante Politik der Klimakrisenleugner.
In der Coronakrise hat die Politik klüger gehandelt als in der Klimakrise. Sie hat die momentan bestmöglichen Erkenntnisse zur Grundlage für das politische Handeln gemacht. Die (pseudo)-wissenschaftliche Kritik an diesem Vorgehen weigert sich, die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Politik zu beachten. 

Eine ganz andere Art von Kritik kommt aus der Politik und der Gesellschaft selbst. Immerhin hat der Bundestagspräsident, also der Repräsentant des zweithöchsten Amtes in der Bundesrepublik, die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen in Frage gestellt, und zwar mit Rekurs auf das Grundgesetz! Schäuble hat angemerkt, dass es wenn überhaupt nur ein bedingungsloses Grundrecht im GG gibt, nämlich die Würde des Menschen aus Art.1 GG -  und hat damit bezweifelt, dass der Lebensschutz soweit gehen darf, dass die Würde Schaden nimmt. Unabhängig davon, ob man diesem Argument zustimmen will, ist diese Debatte von einer ganz anderen Art als die, die von Wodarg und Co. angezettelt wurde. Die Aufgabe der Politik, wie aller anderen gesellschaftlichen Kräfte, ist es, die Grundrechte so gegeneinander abzuwägen, dass keines unter die Räder kommt. An dieser Debatte zum Wohle der ganzen Gesellschaft war schon die frühe AfD nicht interessiert, sie wollte nur Recht haben, und es ist für mich sehr beunruhigend zu sehen, wie viele Leute heute diesem Muster zu folgen bereit sind.

Verschwörung: Die Grenzen zwischen Rechthabern und Verschwörungstheoretikern sind zwar fließend, aber Verschwörungstheorien sind in ihrer destruktiven Kraft sehr viel problematischer. Die Muster, nach denen diese Hirngespinste funktionieren, sind ja gut erforscht. Rätselhaft bleibt aber, warum so viele Leute diesen Theorien Glauben schenken.
Meine Vermutung: Der Erfolg der Verschwörungstheorien ist ein Symptom des allumfassenden Gefühls der Unverbundenheit des modernen Menschen mit seiner Welt. Das führt zu einem tiefgreifenden Misstrauen der Welt gegenüber. „Wir wissen ja nicht, was wirklich vorgeht!“ ist der Glaubenssatz, der hier wirksam wird. Und da ist ja auch was dran. (Es ist sicher kein Zufall, dass die erste „erfolgreiche“ Verschwörungstheorie rund um die erste Mondlandung 1969 entstanden ist - die in Filmstudios simuliert worden sei. Das war vielleicht das erste weltweit wahrgenommene Ereignis, bei dem – außerhalb der NASA – niemand mehr die Möglichkeit hatte, das Erfahrene mit der Realität abzugleichen. Niemand hat die Astronauten auf dem Mond begrüßt! Heute ist dieser Realitätsentzug eine alltägliche Erfahrung.) Der kapitalistische Geist hat mit der Digitalisierung einen weiteren Schub von Weltfremdheit ausgelöst, in der das Gefühl von Verbundenheit mit der Welt kaum noch von sich aus auftreten kann. Das Misstrauen, das durch den fehlenden Bezug zur Welt ins Unermessliche gesteigert wird, öffnet die Tore für eine Form von Leichtgläubigkeit, die nach Antworten sucht, um zumindest dieses Misstrauen nicht in Frage stellen zu müssen. Das ist ein Teufelskreis.

Kunst: Hier kommt die Kunst ins Spiel. Natürlich sind auch Künstler*innen nicht davor gefeit, Rechthabern und Verschwörungstheoretikern auf den Leim zu gehen.
Aber Künstler*innen sind zumindest darin geübt, die Verbundenheit zur Welt herzustellen und/oder die fehlende Verbundenheit, mit der wir in dieser Welt umgehen müssen, als solche wahrzunehmen.
Die Unverbundenheit ist ein allgemeines Phänomen. Sie in sich zu erkennen und den Mut haben, sich ihr zu stellen, statt in Antworten zu flüchten, die alles noch schlimmer machen, ist eine Aufgabe, mit der sich Kunstschaffende in der Moderne immer wieder befasst haben. Wie soll man es aushalten, nicht nur nichts zu wissen, sondern auch noch den Bezug zur Welt verloren zu haben, der es ermöglicht, Wissen von Nichtwissen zu trennen? Wie kann ich Weltbezug wieder herstellen? Fragen, auf die als erste Künstler*innen Antworten suchen.

Freitag, 24. April 2020

Künstler*in sein im Corona-Kapitalismus


Es wird immer offensichtlicher, dass ein großer Teil der Kunstschaffenden in Deutschland durch die eigentlich üppig ausgestatteten finanziellen Sicherungsnetze, die von den Landesregierungen und der Bundesregierung aufgespannt wurden, durchfallen. Freiberufliche Künstler*innen sind eine der Bevölkerungsgruppen, die durch den shutdown in schwere existenzielle Nöte gedrängt werden. 
 
Es ist an der Zeit, dagegen politisch Druck zu machen und die Politiker wachzurütteln. 
Mich interessiert, wie es überhaupt dazu kommen kann? Was geschieht da gerade? Welches Verständnis von Kunst und Kunstschaffenden herrscht bei den politischen Entscheidungsträgern, der Verwaltung und der Gesellschaft? Einerseits hört man an jeder Ecke, wie wichtig Kunst und Kultur für unser Leben seien, wie sehr es schmerzt, nicht mehr ins Theater, ins Museum oder ins Konzert gehen zu dürfen. Doch andererseits scheint kaum jemand die Gefahr begriffen zu haben, dass die Kulturszene ihren freiberuflichen Unterbau zu verlieren droht und es Jahrzehnte dauern könnte, bis eine ähnlich vitale Szene, wie wir sie zum Glück bislang hatten, wieder entstanden ist.

Ich glaube, dass hier Strukturen offenbar werden, die aus dem Geist des Kapitalismus erwachsen sind und einiges über die Rolle der Kunst in der durchökonomisierten Gesellschaft verraten. 
Freiberufler aus dem kulturellen und künstlerischen Bereich machen nicht erst seit der Corona-Krise die Erfahrung, dass die Steuergesetzgebung und das System der Kranken- und Rentenversicherung mit den wirtschaftlichen Realitäten und der Art und Weise, wie wir zwischen Aufträgen, Geldjobs und der meist unbezahlten Arbeit für die Kunst überleben, wenig zu tun haben. Damit hatte man sich schon fast abgefunden. Doch jetzt geht es ans Eingemachte. 
Durch Corona wird deutlich, dass die Kunstschaffenden als Berufsgruppe im vom Wirtschaftsdenken dominierten Komplex, den man Gesellschaft nennt, weder ernst noch wichtig genommen werden. Kunst ist ein Randphänomen, trotz aller gegenteiliger Beteuerungen aus der Kulturpolitik.
Und es stimmt ja auch. Kunst ist von ihrer Grundidee her für den kapitalistischen Geist ein Randphänomen. Viele Künstler*innen stecken einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit und ihrer Energie in Vorhaben, von denen abzusehen ist, dass sie sich finanziell gesehen nicht lohnen werden. Das kann die Mehrheitsgesellschaft inklusive der Politik bis heute nicht verstehen, bzw.: Das kann von einer grundlegend ökonomisch geprägten Gesellschaft nicht ernst genommen werden. Die Kunst ist kein Teil des ökonomischen Wertschöpfungssystems. Sie gehört in diesem Denken vielmehr zum Bereich des Ehrenamts, des sozialen und gesellschaftlichen Engagements, dessen Bedeutung auch gar nicht geleugnet wird. Aber the real thing ist die Wirtschaft. Da kann Kunst nicht wirklich vorkommen. (Der durch und durch kapitalistische Kunstmarkt ist eine andere Geschichte.) 
Kunst ist im kapitalistischen Kontext einerseits eine Angelegenheit des Prestiges. Wir zeigen unsere Kultiviertheit mit unseren Theater und Museen, den Orchestern und den Kunstpreisen. Doch davon abgesehen ist Kunst nur eine Art billige Ressource, die den kapitalistischen Betrieb im Laufen hält, in dem sie dazu beiträgt, die psychischen Kollateralschäden des Kapitalismus nicht ausufern zu lassen – wohlgemerkt bei den Kunstkonsumenten! Wie es insbesondere den freiberuflichen Künstler*innen geht, ist auf der Ebene gar keine Frage. Hauptsache, das ganze kostet nicht zu viel.
Wie gesagt, wir müssen politisch auf uns aufmerksam machen und angemessene Unterstützung verlangen.
Für die Frage nach dem Künstlersein im Kapitalismus ist ein anderer Aspekt dieser Situation relevant: Kunstschaffende können/müssen erkennen, dass sie tatsächlich „anders“ sind als die meisten Menschen im kapitalistischen System. Wir ordnen unser Leben nach Werten, die außerhalb der Kunst und einiger anderer Nischen bestenfalls im Mittelfeld rangieren. In diesem Sinne stehen wir am Rande der Gesellschaft, die sich wenig Mühe gibt, das Leben von freiberuflichen Künstlern zu verstehen. 
Darin steckt eine Chance, nicht nur für die Künstler*innen, sondern für die Gesellschaft. Wenn wir zeigen, warum wir ein solches Leben führen, können wir damit aufweisen, dass es nichtkapitalistische Wertehierarchien gibt, die gelebt werden können – am besten mit der Unterstützung einer ganzen Gesellschaft, die von Künstler*innen nicht nur unterhalten wird, sondern von ihnen lernen will, was Leben auch noch heißen kann.

Freitag, 3. April 2020

Kapitalismus und NATUR/ Capitalism and NATURE


English below

Gerade lese ich ein sehr anregendes Buch von Jason W. Moore mit dem Titel: Kapitalismus im Lebensnetz. (matthes & seitz, Berlin 2020) Darin sind ein paar Gedanken zu finden, die sich eignen, in den Kontext meiner Überlegungen zum Künstlersein im Kapitalismus gestellt zu werden. Diese Gedanken betreffen zwei Aspekte, zum einen die Idee der NATUR, wie sie im Kapitalismus entwickelt wurde und zum anderen die Frage nach dem Verständnis von Arbeit in und außerhalb der Logik des Kapitalismus.
Das Buch von Moore ist eine akademische Arbeit, die sehr sorgfältig und ausführlich auf die selbst gestellten Themen eingeht. Ich kann die Thesen nur sehr verkürzt und z.T. durch meine Linse verzerrt widergeben.
Moores Anliegen ist es, eine Methode zu entwerfen, mit der man den Dualismus von Natur und Gesellschaft überwindet und in die Lage versetzt wird, beides miteinander zu denken, statt davon auszugehen, dass die Natur eine Art Grundlage für die Gesellschaft und den Kapitalismus liefert – eine Grundlage, die gerade von dieser Weltgesellschaft schwer geschädigt wird. Dabei macht Moore plausibel, dass der Begriff von Natur, mit dem wir in der Regel agieren, selbst ein Resultat des kapitalistischen Denkens ist. Im  Frühkapitalismus erst wurde die Natur zu etwas da draußen, zu einem Objekt, das vom Menschen betrachtet und noch wichtiger, vom Menschen analysiert, gemessen und dann ausgebeutet bzw. angeeignet werden konnte. Auf der einen Seite steht der Mensch als so genanntes rationales Wesen und auf der anderen die Natur, die auf das Messbare reduziert und zur Ware degradiert wird. Der Mensch, von dem da die Rede ist, entspricht übrigens in dieser Gleichung mehr oder weniger dem europäischen Mann, denn Frauen, Sklaven und überhaupt Bewohner anderer Kontinente waren in diesem Denken Teil der NATUR, deren Arbeit dem kapitalistischen System quasi umsonst zufließen konnte. An dieser Stelle entwickelt Moore eine sehr originelle und starke These: Der Kapitalismus funktioniert nur dadurch, dass es aus dem Grenzland des kapitalistischen Systems einen stetigen Zufluss von Arbeit und Natur – im Sinne von Rohstoffen und Lebensmitteln – gibt, der nicht angemessen bezahlt wird. Der Kapitalismus bezahlt diese Rechnungen nicht und deshalb kann das eigentliche System von Produktion und Lohnarbeit aufrechterhalten werden. Doch im 21. Jahrhundert sind wir an einem Punkt angekommen, wo es kein neues Grenzland mehr gibt. Die „Billige Natur“ ist aufgebraucht, der kapitalistische Vereinnahmungsmechanismus findet kein Futter mehr, und die zerstörerischen Elemente des Kapitalismus werden zu einer selbstzerstörerischen Kraft.
Wenn man jetzt aber die Menschenwelt nicht mehr der Natur gegenüberstehend denken will, sondern sie als Teil derselben versteht, stellt sich die Aufgabe, einen neuen, postkapitalistischen Begriff von Natur zu entwerfen, der es uns (vielleicht) erlaubt, aus dieser bedrohlichen Situation mit blauem Auge herauszukommen und Gestaltungsmöglichkeiten für eine neue und vielleicht menschenwürdigere Welt zu gewinnen.
Hier kommt die Künstler*in ins Spiel, oder genauer gesagt, eine bestimme Idee des Künstlerseins, die nicht die einzig mögliche darstellt. Im Anschluss an Max Scheler kann behauptet werden, dass gerade die Künstler sich ein vorkapitalistisches Weltverhältnis bewahrt haben, dass die Natur nicht als messbares Material und als Ware versteht, sondern um die Bedeutsamkeit der Natur (als Relevanz und als Signifikanz) für die Menschen weiß. An diesem Wissen könnte der Versuch, einen postkapitalistischen Naturbegriff zu formen, anknüpfen.

Ich plane übrigens gerade ein neues Format für ein Forschungs-Seminar („meine Lebenswelt“), in dem es darum geht, ein Weltverhältnis zu finden, zu pflegen und zu schulen, dass die Bedeutsamkeit der Natur und der Dinge für mich in den Vordergrund stellt und das Bewusstsein dafür stärkt, wie die Natur, als Teil meiner Lebenswelt, auf mein Leben wirkt. Das ist ein künstlerisches Projekt, denn im Grunde geht es um die Suche um ein alltägliches poetisches Verständnis der Welt. Dazu bald mehr auf stimmfeld.de

In einer weiteren Hinsicht sind die Überlegungen von Jason Moore für die Frage nach der Selbstpositionierung von Künstler*innen im Kapitalismus von Belang. Ähnlich wie die Natur ist die Kunst nämlich ebenfalls vom kapitalistischen System ausgelagert worden. Die Kunst wurde aus der Mitte des Lebens, wo sie in vorkapitalistischen Gesellschaften meistens stand, (man denke an die christliche Kunst im Mittelalter oder die Bedeutung des Theaters für die griechische Antike!) an den Rand gedrängt. Kunst wurde zum Grenzland. Dochdie Arbeit der Kunst konnte nicht so einfach in das System von Lohnarbeit einerseits und nicht entlohnter Arbeit andererseits eingefügt werden. Mal steht sie auf der einen, mal auf der anderen Seite. Kunst scheint nicht richtig ins System zu passen und vielleicht ist es dieser Widerspenstigkeit zu verdanken, dass sichdie Kunst auch nach 500 Jahren Kapitalismus eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt hat. Und es gibt Gründe zu hoffen, dass die Kunst deshalb einen vielversprechenden Anknüpfungspunkt darstellt für eine postkapitalistische Art des Denkens, in der Natur und Kunst integral verstanden werden.
https://fr.tipeee.com/stimmfeld

english: 
I am reading a very stimulating book by Jason W. Moore entitled: Capitalism in the Web of Life. It contains a few thoughts that I would like to put into the context of my reflections on being an artist in capitalism. These thoughts concern two aspects, on the one hand the idea of NATURE as it was developed under capitalism, and on the other hand the question of the understanding of work in and outside the logic of capitalism.
Moore's book is an academic work that deals very carefully and in detail with the topics he has set himself. I can only present the theses in a very abbreviated form and partly distorted by my perspective.
Moore's concern is to devise a method to overcome the dualism of nature and society and to enable to think both aspects together, instead of assuming that nature provides a kind of foundation for society and capitalism - a foundation that is severely damaged by this world society in particular. In doing so, Moore makes it plausible that the concept of nature we usually have in mind is itself a result of capitalist thinking. In early capitalism, nature for the first time became something out there, an object that could be observed and, more importantly, analysed, measured and then exploited or appropriated by man. On the one hand there is man as a so-called rational being and on the other hand nature, which is reduced to the measurable and degraded to a commodity. Incidentally, in this equation, the human being in question more or less corresponds to the European male, because women, slaves and in general inhabitants of other continents were part of NATURE in this way of thinking. Their work could flow into the capitalist system for virtually nothing. At this point, Moore develops a very original and strong thesis: capitalism only functions because there is a steady influx of labour and nature - in the sense of raw materials and food - from the borderland of the capitalist system, which is not adequately paid. Capitalism does not pay these bills and only so the actual system of production and wage labour is functioning at all. In the 21st century we have reached a point where there is no longer new borderland. The "cheap nature" is used up, the capitalist mechanism of appropriation no longer finds futter, and the destructive elements of capitalism become a self-destructive force.
However, if we now want to think of the human world no longer as opposed to nature, but as part of it, the task is to create a new, post-capitalist concept of nature that (perhaps) allows us to get out of this threatening situation with a black eye and to gain ideas and possibilities for a new and perhaps more humane world.
This is where the artist comes into the scenery.  Following Max Scheler, it can be said that it is mainly the artists who have preserved a pre-capitalist world relationship, which does not understand nature as a measurable material and as a commodity, but knows about the significance of nature (as relevance and as meaningfulness) for people. The attempt to form a post-capitalist concept of nature could tie in with this knowledge.

By the way, I am currently planning a new format for a research seminar ("my life-world"), in which the aim is to find, cultivate and train a world relationship that puts the significance of nature and things in the foreground for me and strengthens the awareness of how nature, as part of my life-world, affects my life. This is an artistic project, because basically it is about the search for an everyday poetic understanding of the world. More on this soon at stimmfeld.de

In a further respect, Jason Moore's reflections are relevant to the question of the self-positioning of artists in capitalism. Like nature, art has been outsourced by the capitalist system. Art has been marginalised from the middle of life, where it usually stood in pre-capitalist societies (think of Christian art in the Middle Ages or the importance of theatre for ancient Greece!)  Art became a borderland. But the work of art could not so easily be inserted into the system of paid labour on the one hand and unpaid labour on the other. Sometimes it stands on one side, sometimes on the other. Art does not seem to fit properly into the system and perhaps it is thanks to this reluctance that art has retained a certain independence even after 500 years of capitalism. And there are reasons to hope that art therefore represents a promising starting point for a post-capitalist way of thinking in which nature and art are understood integrally.

Translated with www.DeepL.com/Translator (free version)

https://fr.tipeee.com/stimmfeld

Donnerstag, 19. März 2020

Corona und der hilflose Kapitalismus / Corona and helpless capitalism


english below!

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Die neoliberale Doktrin, die unsere Welt in den vergangenen 30 Jahren zu einem klimatisch überhitzten und emotional kälteren Ort gemacht hat, behauptet, der freie Markt löse alle möglichen Probleme quasi von selbst. Zugleich heißt es, der Markt sei das wichtigste Subsystem der Gesellschaft, dem alle anderen sich unterzuordnen haben. Im harten Realitätscheck der Coronakrise scheint diese Doktrin im hellen Licht ihrer ganzen Absurdität auf. Covid 19 hat das kapitalistische System in kurzer Zeit in die Hilflosigkeit getrieben. 

Max Scheler hat in seiner kritischen Kapitalismusanalyse von Anfang des 20. Jahrhunderts vom "Umsturz der Werte" durch den Kapitalismus gesprochen und die These aufgestellt, dass eine Gesellschaft die auf den kapitalistischen Werten beruht, von allen früheren Zivilisationen als vollkommen verrückt wahrgenommen werden müsste. Mit einem Schuss Optimismus kann man sagen, dass sich die absurde Struktur einer Welt, die nur auf Profit und Wirtschaftlichkeit aufbaut und Menschen nur noch als Dienstleister der Ökonomie betrachtet, jetzt im System selbst offenbart. Der Kapitalismus ist hilflos geworden. Was jetzt gefragt ist, sind Werte, die dem Geist des Kapitalismus in der Regel schnuppe sind. Wir brauchen jetzt Hilfsbereitschaft, Solidarität, Verantwortungsgefühl, Zurückhaltung und Maßhalten. Im kapitalistischen Denken sind diese Werte dem des Profitstrebens und des freien Marktes untergeordnet. 

Jetzt zeigt sich, dass diese Umwertung keine Lösung bietet für die Probleme, mit denen wir zu kämpfen haben.
Trump hat das amerikanische Seuchenschutzprogramm vor einigen Jahren praktisch aufgelöst und das so gerechtfertigt: „Ich bin Geschäftsmann und mir gefällt es nicht, wenn so viele Leute die ganze Zeit untätig herumsitzen.“

Darin wird  die ganze Logik des neoliberal verschärften Kapitalismus offenbar. Langfristige Vorsorge für die Menschen widerspricht dem Geist des Business.
Dieser Geist gerät jetzt in die Defensive. Wir werden sehen, ob er sich von diesem Schlag nach Corona wieder erholt. Die Welt wird auf jeden Fall bald eine andere sein.

Was hat das mit Kunst und Künstlersein zu tun? Für Scheler waren und sind die Künstler*innen diejenigen, die (neben den Naturmenschen und den Religiösen)einer Wertehierarchie folgen, die nicht kapitalistisch auf den Kopf gestellt ist. In zumindest Teilen der Kunst hat sich ein Denken bewahrt, dass die Fragen des Menschseins in den Vordergrund stellt und sie nicht den „infantilen Idealen“ (Scheler) des Kapitalismus unterordnet. Diese Aufwertung der Kunst ist sicher nicht frei von Momenten romantischer Verklärung, aber ich denke, dass es trotzdem einen bedenkenswerten Kern daran gibt. Das Weltverständnis von Künstler*innen ist nicht primär vom kapitalistischen Geist geprägt. Und wenn jeder Mensch erkannt hat, dass er/sie ebenfalls Künstler oder Künstlerin ist (siehe Beuys), d.h. diese Werte in sich trägt, besteht die Chance, den Geist des Kapitalismus in die Schranken zu verweisen. Vielleicht hilft uns dabei Covid19!


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The neoliberal doctrine that has made our world a climatically overheated and emotionally colder place over the past 30 years claims that the free market solves all kinds of problems virtually by itself. At the same time, it claims that the market is the most important subsystem of society, to which all others must submit. In the harsh reality check of the Corona crisis, this doctrine shines in the bright light of all its absurdity. Covid 19 has driven the capitalist system into helplessness in a short time.







Max Scheler, in his critical analysis of capitalism at the beginning of the 20th century, spoke of the „overturn of all values“ by capitalism and put forward the thesis that a society based on capitalist values would have to be perceived as completely insane by all previous civilizations. With a dash of optimism, one can say that the absurd structure of a world based only on profit and profitability, which regards people only as service providers of the economy, is now revealed in the system itself. Capitalism has become helpless. What we need now are values that are generally unimportant to the spirit of capitalism. We do need helpfulness, solidarity, a sense of responsibility, care and moderation. In capitalist thinking, these values are subordinated to the pursuit of profit and the free market.

It is now becoming clear that the overturned hierarchy of values does not offer a solution to the problems we are facing.



Two years ago Trump dismantled the National Security Council’s pandemic response unit, justifying it as follows: " I’m a business person … I don’t like having thousands of people around when you don’t need them.."

In it the whole logic of the neoliberal intensified capitalism becomes obvious. Long-term provision for the people contradicts the spirit of business.



This spirit is now being put on the defensive. We'll see if it recovers from this blow after Corona. In any case, the world will soon be a different place.





What does that have to do with art and being an artist? For Scheler, artists (besides people of natural and religion)follow a hierarchy of values  that is not capitalistically turned upside down. In at least parts of art, a way of thinking has been preserved that puts the questions of being human in the foreground and does not subordinate them to the "infantile ideals" (Scheler) of capitalism. This revaluation of art is certainly not free of moments of romantic transfiguration, but I think that there is nevertheless a core worthy of consideration. The understanding of the world by artists is not primarily shaped by the capitalist spirit. And when one day everyone has recognized that he or she is also an artist (see Beuys), i.e. that they carry these values within them, there is a chance to move the spirit of capitalism away from his dominant position. Perhaps Covid19 will help us do this!







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Sonntag, 22. Dezember 2019

Beuys und die Deutsche Bank.



In der Süddeutschen Zeitung vom 21. Dezember 2019 finde ich einen Artikel mit dem Titel „Die Abgehängten“, in dem es darum geht, dass die Deutsche Bank wohl gerade versucht, Teile ihrer Kunstsammlung zu verkaufen. Die Bank hat kaum glaubliche 59 000 Kunstwerke gesammelt und alle großen Namen scheinen dabei zu sein. 
 
Hinter dem Konzept der Sammlung der Deutschen Bank steht offenbar ein Vorschlag von Joseph Beuys, der in den frühen siebziger Jahren angeregt hat, in alle Büros und Räume der Bank Kunst zu bringen, so dass alle Mitarbeiter*innen in den Genuss kommen, Kunst in ihrem direkten Umfeld zu haben. So weit, so interessant. Statt nur auf der ideologischen Ebene gegen die Kapitalisten zu wettern, versucht Beuys, eine deutsche Bastion des Kapitalismus mit Kunst zu unterwandern und zwar mit dem Wissen und dem Geld der Bank selbst. 

Das führt allerdings zu der grotesken Situation, dass in der Lobby der Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank ein besonderes Werk von Beuys zusehen ist. „Wenn die Angestellten die Sicherheitsschleuse der Türme im Erdgeschoss passieren, kommt er (Beuys) ihnen auf einem Foto in Lebensgröße entgegen und sieht ihnen in die Augen: La rivoluzione siamo noi!,steht unter der Arbeit: Die Revolution sind wir.“ Die deutsche, mittlerweile abgebrochene Speerspitze des Neoliberalismus als Beuys´sche Revolutionäre!?

Das zeigt sehr schön das ganze Dilemma des Künstlers im Kapitalismus, der glaubt, den Kapitalismus künstlerisch infiltrieren können. Seine Arbeit und seine Absichten werden von der Geldmacht vereinnahmt und ironisiert. Mehr als ein ironisches Zitat bleibt dann kaum noch übrig. Den Künstler*innen bleibt offenbar nur die Entscheidung, das Spiel mitzuspielen oder eben nicht. Die Regeln machen auf jeden Fall die anderen.

Freitag, 8. November 2019

Fundstück Hugo Ball

In Hugo Balls Schrift "Flucht aus der Zeit" habe ich den folgenden Text gefunden, der von der Zeit um 1913 handelt und meines Erachtens einiges anspricht, was auch in meinem Nachdenken über Künstler sein im Kapitalismus auftaucht. Zur gleichen Zeit hat übrigens Max Scheler seine Kritik des Kapitalismus geschrieben, die bei allen großen Unterschieden zwischen den beiden, doch ein paar Parallelen aufzeigt:


So stellten sich 1913 Welt und Gesellschaft dar: das Leben ist völlig verstrickt und gekettet. Eine Art Wirtschaftsfatalismus herrscht und weist jedem Einzelnen, mag er sich sträuben oder nicht, eine bestimmte Funktion und damit ein Interesse und seinen Charakter an. Die Kirche gilt als ›Erlösungsbetrieb‹ von wenigem Belang, die Literatur als ein Sicherheitsventil. Gleichgültig, wie es zu diesem Zustande gekommen ist –, er ist da und niemand vermag sich ihm zu entziehen. Die Weiterungen sind nicht erfreulich, etwa im Falle eines Krieges. Die Massen werden dann hinausgeschickt werden, um die Geburtenziffer zu regulieren. Die innigste Frage aber bei Tag und Nacht ist diese: gibt es irgendwo eine Macht, stark und vor allem lebendig genug, diesen Zustand aufzuheben? Und wenn nicht: wie entzieht man sich ihm? Der Verstand mag sich abrichten und einfügen lassen. Läßt sich aber das Menschenherz so beschwichtigen, daß seine Regungen zu berechnen sind? Damals schrieb Rathenau seine »Kritik der Zeit«; ohne eigentlich eine Lösung zu finden. Er stellte nur in aller Deutlichkeit das Phänomen und seinen Umfang fest. ›Mit wirtschaftlichen und politischen Vorschlägen, wie Rathenau sie am Schlusse seines Buches entwickelt‹, so notierte ich mir damals, ›ist es nicht mehr getan. Was nottut, ist eine Liga all derer, die sich dem Mechanismus entziehen wollen; eine Lebensform, die der Verwendbarkeit widersteht. Orgiastische Hingabe an den Gegensatz alles dessen, was brauchbar und nutzbar ist‹.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Bemerkungen zu Peter Handke (Nobelpreis)


english below

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke hat gelinde gesagt ein geteiltes Echo in der Öffentlichkeit hervorgerufen. Auch unter Künstlern und Schriftstellerkolleg*innen gab es zum Teil empörte Reaktionen. Es ist auch für mich nur schwer nachvollziehbar, wie ein Autor, der sich mit den subtilsten Verästelungen von Wahrnehmung und Sprache beschäftigt, sich politisch so offensichtlich verrannt haben kann. Und mich interessiert hier an dieser Geschichte, ob dafür etwas für das Thema des Künstlerseins im Kapitalismus zu holen ist. 

Meine Bemerkungen dazu bitte ich mit größter Vorsicht zu lesen, denn ich kann nicht behaupten, ein Kenner des Werkes von Handke zu sein. 

(Bei Perlentaucher fand sich ein paar Tage, nachdem ich diesen Post geschrieben hatte, ein Hinweis auf einen wie ich finde sehr lesenswerten Artikel über Handke von Alida Bremer. Der ist allerdings noch sehr viel weniger verständnisvoll gegenüber dem Autor, mit ziemlich überzeugenden Argumenten, muss ich sagen.

Alida Bremer: Die Spur des Irrläufers)


Aber ich glaube genug von seinem Werk gelesen zu haben, um bei ihm eine phänomenologische Grundeinstellung zu finden. Das heißt, Handke geht es darum, die Beziehung zwischen Mensch und Welt  - als eine Beziehung, die sich in Sprache manifestiert – in einer weitgehend unvermittelten Direktheit in den Blick zu nehmen. In der Phänomenologie bei Husserl und seinen Nachfolgern hieß es: Zu den Sachen selbst! Handke will, durchaus in einem Widerstand gegen die mediale Welt, die sich in der kapitalistischen Ära mittlerweile in absurdem Ausmaß von der Realität entfernt hat, die Dinge, die Landschaften, die Ereignisse wieder nah an den Menschen heranführen. Anders als die philosophische Phänomenologie zumindest in den ersten Jahren, der man zu Recht vorwarf, die Rolle der Sprache in diesem Prozess zu unterschätzen, sieht Handke den notwendigen Zusammenhang von Wahrnehmung und Sprache. Aber nicht in einer konstruktivistischen Art, sondern in der Absicht, Lebensnähe herzustellen. Soweit so interessant. Ich kann Handke nur zustimmen, dass die Moderne diesen Zugang zur Welt weitgehend verloren hat und es Not tut, ihn wiederzufinden. Das ist ja auch eine grundkünstlerische Absicht, die ich in meiner Arbeit manchmal teile und die zu den Grundüberzeugungen gehört, die ich in diesem Blog zur Sprache bringen will: Der Kapitalismus entfremdet den Menschen von der Welt und von sich selbst. 

Probleme tauchen auf, wenn diese phänomenologische Einstellung, wie sie Handke eingenommen hat, zur allein selig machenden erhoben wird. Denn das führt dazu, dass man nur noch glauben kann, was man mit eigenen Augen sieht. Doch insbesondere in der Moderne ist es unmöglich, die Welt ohne Hinzunahme von medial vermittelten Informationen zu deuten (und zwar jenseits der eigenen Echokammer). Eine politische Haltung, die versucht, der Situation angemessen zu sein, benötigt den Willen und die Fähigkeit zur Abstraktion. Handke ist sozusagen mit Freude in die Falle der Unmittelbarkeit gesprungen. Nur so ist verständlich, dass er allen Ernstes an den Untaten der serbischen Milizen in den Kriegen der 1990er Jahre zweifeln kann, weil er den „barfuß“ herumlaufenden jungen Männern, die er mit eigenen Augen gesehen hat, diese Taten unmöglich zutraut. 

Naivitäten dieser Art sind das Ergebnis eines Kategorienfehlers, der auf andere Art schon anderen Geistern passiert ist, die man aufgrund ihres Werkes eigentlich für klüger halten müsste. Nietzsche etwa wird oft dann unglaubwürdig, wenn er seinen psychologisch geschulten Blick auf die Politik und die großen Zusammenhänge seiner Zeit richtet. Das führt dann zu Monstren wie der "blonden Bestie". Heidegger gehört in ganz anderer Hinsicht auch zu dieser Liste von Verirrten, deren Werk davon abgesehen trotzdem eine lohnende Herausforderung darstellt. Gemeinsam haben diese Autoren, die von der Richtigkeit ihrer Perspektive auf die Welt viel zu sehr überzeugt sind, dass sie sich nicht in Diskussionen einlassen können und wollen. Worüber auch diskutieren, wenn man die Wahrheit erkennt? Handke scheint es in Sachen Serbien unmöglich zu sein, seinen Fehler aus der Sicht derer zu betrachten, die sich davon sehr zu Recht verletzt fühlen (Dazu gehören übrigens auch viele Serben, die sich von dem geliehenen Nationalismus Handkes genau so abgestoßen fühlen wie andere). 

Künstler*innen im Kapitalismus tun gut daran, im Modus des Fragens zu bleiben und den eigenen Antworten immer mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Kritische Distanz benötigt man als Kunstschaffender nicht nur im Verhältnis zum Geist des Kapitalismus. Den eigenen Überzeugungen folgen, ohne die inneren Türen zu schließen. Sonst wird es nämlich schnell muffig darinnen....


The award of the Nobel Prize for Literature to Peter Handke has, to say the least, caused a divided response in the public. There have been some outraged reactions among artists and fellow writers. It is difficult for me also to comprehend how an author who deals with the most subtle ramifications of perception and language can have been so obviously mistaken politically. And I'm interested here in this story to see if there's anything relevant for the theme of being an artist in capitalism.

I would ask you to read my comments with the greatest caution, because I cannot claim to be an expert on Handke's work.

But I think I have read enough of his work to find a phenomenological attitude in him. In other words, Handke's aim is to look at the relationship between man and the world - as a relationship that manifests itself in language - in a largely unmediated directness. In the phenomenology of Husserl and his successors it was said: „Zu den Sachen selbst!“ "To the things themselves! Handke wants to reconnect things, landscapes, events with people – quite in a resistance against the medial world, which in the capitalist era has moved us away from reality to an absurd extent. In contrast to philosophical phenomenology, at least in the early years, which was rightly accused of underestimating the role of language in this process, Handke sees the necessary connection between perception and language. But not in a constructivist way, but with the intention of creating proximity to life. So far so interesting. I can only agree with Handke that modernity has largely lost this access to the world and that it is necessary to find it again. This is also a basic artistic intention that I sometimes share in my work and that is one of the basic convictions that I want to bring up in this blog: capitalism alienates people from the world and from themselves.

Problems arise when this phenomenological attitude, as adopted by Handke, is elevated to the status of the only blessing. For this leads to the fact that one can only believe what one sees with one's own eyes. But it is of course impossible in modernity to interpret the world without the addition of mediated information. Handke jumped into the trap of immediacy with joy, so to speak. Only in this way it might be understandable that he can seriously doubt the atrocities of the Serbian militias in the wars of the 1990s, because he cannot possibly trust the "barefoot" young men whom he saw with his own eyes to do these deeds. Naiveties of this kind are the result of a category error that has already happened to other great thinkers in a different way, who should be considered wiser because of their work. Nietzsche, for example, often becomes untrustworthy when he directs his psychologically trained gaze to the politics and the great contexts of his time. This leads to monsters like the „blond beast“. Heidegger also belongs to this list in a completely different way. These authors, who are far too convinced of the correctness of their perspective on the world, have in common that they cannot and do not want to get involved in discussions. What can we discuss when we realize the truth? Even for Handke it seems impossible to look at his mistake from the point of view of those who feel rightly hurt by it.

Artists in capitalism do well to remain in the mode of asking questions and to always meet one's own answers with a certain scepticism. Critical distance is not only needed in relation to the spirit of capitalism. Follow one's own convictions without closing the inner doors. Otherwise it quickly becomes musty inside....